— Warum hast du keine Perücke aufgesetzt? — fragte ihr Ehemann die Frau mit Abscheu, und sofort stimmte ihm die Schwiegermutter zu.
— Gehst du wirklich so zu der Elternversammlung? — Sascha verzog die Lippen.
— Was ist daran falsch? — Vika richtete ihren Schal.

— Die anderen Eltern werden schielen. Masha ist doch schon unsicher wegen… — er winkte ab. — deines Aussehens.
— Meines Aussehens? — Vikas Stimme zitterte. — Meinst du etwa, weil ich den Krebs überlebt habe?
— Du hättest wenigstens eine Perücke tragen können.
Vika sah in den Spiegel: schmal, große Augen, hohe Wangenknochen. Ihre Weiblichkeit war noch da. Aber was sah er?
— Wir haben das doch besprochen. Die Perücke drückt, der Kopf tut weh.
— Dann geh eben nicht. Sag, du bist krank.
— Aber für mich und Masha ist das wichtig.
— Na gut, geh. Aber sei nicht beleidigt, wenn die Leute… reagieren.
Am Tisch saß die Familie. Schwiegermutter Nina Petrowna schlug vor, die Perücke zu tragen, Lena sprach über Saschas Unbehagen in der Öffentlichkeit.
— Alle haben hingesehen? — Vika umklammerte die Tasse. — Und was Schreckliches haben sie gesehen?
— Ein Mann will stolz auf seine Frau sein, nicht sich rechtfertigen müssen, — sagte Sascha.
— Rechtfertigen wofür? Dass ich überlebt habe? — Vikas Stimme wurde lauter.
Masha hob die Augen — Vika wusste sofort, dass ihre Tochter alles spürte.

— Vika, heb nicht die Stimme vor dem Kind, — mischte sich die Schwiegermutter ein.
— Mama! — Vika drehte sich scharf um.
— Ein Kompromiss wäre möglich: schöne Tücher, Hüte… — sagte Galina Iwanowna leise.
— Nur wie alte Frau Zina, — schnaufte Sascha.
Vika stand auf und ging auf den Balkon. Olya folgte ihr. Der Augustabend war mild, das normale Leben floss unten weiter.
— Vik, hör nicht auf sie. Du bist schön.
— Ich bin müde. Als hätte ich absichtlich mein Haar für sie verloren.
Olya umarmte ihre Schwester. Die Berührung war warm und selten.
— Erinnerst du dich an dein Haar? — streichelte Olya. — Bis zur Taille, dick. Alle haben es beneidet.
— Ich erinnere mich. Sascha sagte damals, er habe sich in mein Haar verliebt. Aber anscheinend nur in das.
Erinnerungen überfluteten Vika: die 20-jährige Vika mit einem Schopf kastanienbrauner Haare, Sascha konnte nicht vorbeigehen, ohne sie zu berühren.
Und jetzt wandte er sich ab, wenn sie den Schal abnahm.
Die Tür flog auf.

— Schluss mit dem Drama? — Sascha schwankte. — Olya, geh nach Hause.
— Sascha, du hast getrunken, — versuchte Olya zu beruhigen.
— Ich bestimme in meinem Haus! Vielleicht, wenn die Frau wie eine Frau aussehen würde… — er stockte.
— Sag es! — Vika drehte sich um.
— Wie eine Kranke! Siehst du! Alle sehen das!
Die Worte hingen in der Luft. Masha hob den Kopf:
— Mama, warum schreit Papa?
— Papa ist müde, Liebling, — Nina Petrowna streichelte die Enkelin. — Geh in dein Zimmer.
— Status? — Vika setzte sich auf das Sofa. — Ich dachte, für einen Mann zählt Familie, Liebe, Unterstützung.
— Sei nicht naiv, — Lena. — Sascha war immer stolz auf deine Schönheit. Und jetzt, was soll er zeigen?
— Eine starke Frau, die nach Operation und Chemotherapie überlebt hat! — Vika.
— Hör auf, die Heldin zu spielen! — Sascha ließ sich in den Sessel fallen.
— Jeder wird krank, aber nicht alle erschrecken danach kahl die Leute.

— Sascha! — Galina Iwanowna.
— Sie trägt nicht einmal im Sommer die Perücke. Im Café hat die Kellnerin fast den Teller fallen lassen, als der Schal rutschte!
— Und? — Vika. — Du hast doch gesagt, du hast Angst, die Frau zu verlieren, in die du dich verliebt hast.
— Du bist eine andere geworden! — Sascha schlug auf den Tisch.
— Kahl. Nur das. Innerlich bin ich dieselbe.
— Nein! — Sascha. — Du bist gebrochen, weinst ständig!
— Ich habe einen Monat nach der Operation geweint! Und du? Hast alle Spiegel entfernt, um dich nicht selbst zu sehen!
— Damit du dich nicht aufregst!
— Lügner! Damit du selbst nicht sehen musst!
— Genug! — stand die Schwiegermutter auf. — Vika, Sascha hat in einem Punkt recht:
Du hättest die Perücke wenigstens ausprobieren können.
— Ich habe es versucht! Sie drückt, die Kopfhaut kann nicht atmen! — Vika hatte wirklich teure Perücken aus echtem Haar ausprobiert, aber sie drückten, juckten, und im Spiegel sah sie eine fremde Frau.
— Andere ertragen es doch! — sagte Lena.

— Ich bin ich, — antwortete Vika.
Das Familientreffen war ein Tribunal: Schwiegermutter, Schwägerin, Vikas Mutter, Sascha mit einem Glas Cognac.
Alle rieten Vika, die Perücke aufzusetzen, „sich zusammenzunehmen“.
— Genug! — stand Olya auf. — Ihr macht jemanden wegen einer Krankheit fertig?
— Familiensache! — schrie Sascha.
— Familie unterstützt, erniedrigt nicht! — fuhr Olya fort.
— Und die Kinder? — Lena. — Masha wird gehänselt, weil ihre Mutter kahl ist!
Vika sprang auf:
— Was? Warum wusste ich nichts davon?
— Hast du gefragt? — spöttisch Sascha. — Du denkst nur an dich!
— Ich dachte an Masha, habe ihr gelächelt, gekocht, während mir übel war, — Vika trat zu ihm.
— Andere ertragen das! — Sascha. — Meine Mutter pflegte zehn Jahre lang den gelähmten Vater.
— Ich verlange keinen Frieden! Ich verlange Unterstützung!
— Ich unterstütze! Kauft Tücher, fahre zu Ärzten! — Sascha.
— Du schämst dich vor mir!

— Wofür soll man stolz sein? — platzte er heraus.
— Alles klar, — Vika riss den Schal ab. Der Kopf mit der Narbe glänzte im Licht. — Hier bin ich! Eine überlebende Frau!
— Setz den Schal wieder auf, Masha kann gleich rein, — murmelte die Schwiegermutter.
— Sie wird ihre Mutter sehen, nicht das Monster, — Vika.
— Das Monster, das Theater macht! — schnappte Sascha.
— Ich gehe, hole Masha, — Vika ging zur Tür.
— Wohin? — Sascha stellte sich ihr in den Weg.
— Zu meiner Tochter. Das Gericht wird entscheiden, — Vika.
— Du glaubst, das Gericht lässt ein krankes Kind bei der Mutter? — Sascha.
— Ich bin seit sechs Monaten in Remission! — Vika.
— Immer auf Pillen, — schrie er.
Die Ohrfeige hing in der Luft.
— Du hast dich das erste Mal im Bett von mir abgewandt. Ekelhaft, mich zu berühren.

Masha kam mit einer Zeichnung heraus: die Mutter in einem schönen Schal, lächelnd.
— Schön, Liebling, — Vika setzte sich. — Wir fahren ein paar Tage zu Oma Galina.
Sascha blieb mit dem Cognac allein zu Hause.
— Sie kommt zurück, wohin soll sie auch? — murmelte er.
— Ihr seid hier alle… Monster, — sagte Olya. — Vika wird gesund, du bleibst ein kleiner Egoist.
Zwei Jahre später. Vika kämmte ihr nachgewachsenes Haar, Masha erzählte von der Schule.
— Hallo? — das Telefon klingelte.
— Vika? Lena hier. Sascha bittet um Rückkehr.
— Sag ihm: ich bin glücklich. Arbeit, Freunde, Tochter, Haare nachgewachsen. Aber zurück? Niemals.
Vika umarmte ihre Tochter:
— Komm, Liebling. Onkel Igor hat uns versprochen, in den Zirkus zu gehen.
— Er sagte, dass du immer schön bist, auch ohne Haare.
Vika lächelte. Vor sechs Monaten war Igor in ihr Leben getreten — ein Kollege, der in ihr eine starke Frau sah, kein Opfer der Umstände.
Er bemitleidete sie nicht, wollte sie nicht „retten“, liebte einfach ruhig und zuverlässig.

Es klingelte an der Tür — Igor mit Blumen und Zirkuskarten. Masha rannte zu ihm, er hob sie hoch und wirbelte sie herum, ihr Lachen füllte den Raum.
— Wie geht’s euch, Schönheiten? — küsste er Vika auf die Wange.
— Prima, — lächelte sie und sah, wie ihre Tochter die Zeichnung zeigte.
Inzwischen saß Sascha allein in der leeren Wohnung, blätterte durch alte Fotos: Vika mit langen Haaren, lachend und umarmend.
Damals schätzte er das Glück nicht; jetzt erkannte er, dass er es für immer verloren hatte.
Er goss sich Cognac ein und trank ihn auf Ex. Marina, mit der er nach der Scheidung zusammen war, hatte ihn vor einem Monat verlassen.
Olya hatte Recht gehabt — er blieb allein mit seinem Egoismus. Vika hingegen blühte wieder auf.
Draußen leuchteten die Lichter der Stadt.
Dort lachten Vika und Masha im Zirkus mit dem Mann, der sie wirklich liebte, während er alte Fotos durchblätterte.
